Verspätete Debatte: Sarrazins Fußballtest

Thilo Sarrazin schafft es vielleicht zu einer weiteren Skandalisierung, zumindest im sogenannten Boulevard der Zeitungwelt. DerWesten zitiert ihn gerade zum Fußballländerspiel Deutschland-Türkei und dem Verhalten türkischstämmiger Einwohner: „Wenn sie Deutsche sein oder werden wollen, haben sie die falsche Mannschaft unterstützt.“ Und schaue ich mir den narrativen Text von Benjamin von Stuckrad-Barre in der Welt an, dann könnte die Aussage auch rein fiktional sein. Auf jeden Fall können wir am Anfang einer Debatte stehen, ob man als richtiger Deutscher oder, einer der es werden wolle, auch Anhänger der deutschen Fußballnationalmannschaft sein muss.

Sage mir, für welches Team Du bist, und ich sage Dir, ob Du Deutscher bist. Diesen Fußballtest als Gesinnungstest hat es bereits gegeben – zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort. Es geschah im Großbritannien des Jahres 1990. Der Protagonist war der konservative Abgeordnete Norman Tebbit und es ging um das englische Spiel Cricket, nicht Fußball: „A large proportion of Britain’s Asian population fail to pass the cricket test. Which side do they cheer for? It’s an interesting test. Are you still harking back to where you came from or where you are?“ Auf die damit verbundene Debatte nach einem Spiel England-Pakistand wird im Englischen mit cricket test verwiesen. (siehe hierzu den gleichnamigen Eintrag in Wikipedia)

Es gibt ja leichte Variationen bei den Nationalsportarten und Redewendungen. Wenn etwas nicht mein Bier ist, heißt das im Englisch halt, es sei nicht meine Tasse Tee. Mit dem cricket test war der Vorwurf mangelnder nationaler Loyalität verbunden. Das steht auch hinter der Aussage Sarrazins, wenn sie auch im Kontext mangelnden Integrationswillen rezpiert werden dürfte. Die Debatte in Großbritannien ist wieder abgeklungen. Dazu beigetragen hat vermutlich auch die Erkenntnisse, dass in der modernen Gesellschaft durchaus multiple, sich überlagernde Identitäten bestehen – auch bei hier geborenen Deutschen. Das könnte eine Debatte in Deutschland herausarbeiten.

DerWesten, den ich gerade las, gibt Sarrazin wie folgt wieder:

Der Autor des Buches „Deutschland schafft sich ab“ kritisierte auch das Verhalten türkischstämmiger Fans während des Fußballspiels Deutschland-Türkei am Freitagabend in Berlin. „Interessant ist natürlich, für wen die Neuköllner und Kreuzberger Türken jubeln.“ Von den 50.000 Türken im Stadion seien 40.000 Deutsch-Türken , „die mit der Türkei die falsche Mannschaft unterstützen, wenn sie Deutsche sein oder werden wollen“, sagte Sarrazin.

Nachtrag: Die Loyalität zu einer Gesellschaft am Unterstützen einer Nationalmannschaft fest zu machen, wenn beide spielenden Teams identitätsstiftend wirken, halte ich für dürftig. Früher fiel mir auf, wenn in türkisch geprägten Cafés und Sportvereinen die türkische Flagge alleine hing, heute hängt sie neben der deutschen. Ist das kein Fortschritt, der der Identität der Menschen gerecht wird?

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