Sprung ins leere Schwimmbecken

Zu viele Bäder im Ruhrgebiet: In Bochum schließt das neue Stadtbad nach nur 10 Jahren

Seit den 1950ern verfügte die damalige Stadt Bochum über ein zentrales Bad in der Innenstadt. In dem auch außen im Stil der 50er gekachelten, leicht gammelig wirkenden Bau, der noch eine Badewannenabteilung hatte, hatte ich noch Schulschwimmen. Hierfür müssten wir damals an einem Seiteneingang des von der Straßenfront nach hinten versetzten Gebäudes warten. Die Vorderfront des Gebäudes war vom Straßenniveau mit Treppen abgesetzt, die zu einer Promenade mit Einzelhändlern führte. Der bekannte Bochumer Huthändler mit Fotos seiner Eiskunstläuferkarriere hatte hier sein Domizil. Diese Schilderung klingt nach guter, alter Zeit, aber der einstige Prachtbau war nur noch ein monströses, hässliches Ungetüm.

Sprung ins leere Schwimmbecken
Endlich Nichtschwimmer pt. II, von cw-desgin photocase.de

Die Einführung von Bürgerbegehren und Bürgerentscheid in der nordrhein-westfälischen Gemeindeordnung 1994 führte in Bochum zu einer ersten Unterschriftensammlung über die Schließung des Bades 1997. Formell scheiterte das Bürgerbegehren, da das Alter und nicht das Geburtsdatum mit den mehr als 40.000 Unterschriften erfassten worden war. Damals war die Zahl notwendiger Unterschriften deutlich höher als heute, wo weniger als ein Drittel hiervon ausreichen würde. Die Stadtverwaltung und die damals allein bestimmende SPD-Ratsfraktion lenkten jedoch ein und es kam eine privatwirtschaftliche Lösung zustande. Mit der nicht ganz ausgelasteten Stadtbad-Galerie wurde vom Investor Häusser-Bau auch ein kleineres Bad errichtet.

Jeder will ein Schwimmbad, aber keiner geht hin

Der vehemente Wunsch vieler Bürger auf Erhalt öffentlicher Einrichtungen wie Märkten, Schwimmbädern und Bibliotheken geht oft mit der ebenso vehementen Nicht-Nutzung dieser Einrichtungen einher. Das Verkommenlassen dieser Einrichtungen durch Verwaltungen trägt zu dieser Nichtnutzung bei. Zur erfolgreichen und widerstandslosen oder zumindest widerstandsarmen Schließung eins Bades Bedarf es einer guten Strategie.

100 Bäder im Ruhrgebiet – verschiedene Schließungsstrategien

Ähnliches gibt es aus weiteren Städte der mit knapp 100 öffentlichen Bädern übermöblierten Metropole Ruhr zu berichten. Am Willen der Bürger scheiterte die Schließung eines Bades in Mülheim an der Ruhr. Der Stadtrat beschloss, es in ein Naturbad umzuwandeln. Es hat weiterhin mit geringen Besucherzahlen bei äußerst starken, witterungsbedingten Schwankungen derselbigen zu kämpfen. An einem Wochenende im August 2011 hatte das Styrumer Naturbad mit 10.000 Freibadgäste fast halb so viele wie in der gesamten Saison des Vorjahres.

Glücklicher erscheint die Strategie zum Westfalenbad in Hagen. Mit der Eröffnung wurden vier kommunal getragene Bäder geschlossen. Zudem schlossen damals um 2010 je ein Bad im benachbarten Schwerte und in Wuppertal. Zumindest für Hagen mag die Rechnung aufgehen: Tausche vier alte gegen ein neues Bad. Das kann als positiv gelten, selbst wenn das Bad ein Zuschussgeschäft bleibt. Gegenüber dem status quo ante kann bei besserer, weil neuerer Qualität das Defizit begrenzt werden. Das neue Westfalenbad soll sogar dem mehrheitlich dem Regionalverband Ruhr (RVR) gehörenden Freizeitbad Heveny am Kemnader See Konkurrenz machen. Aus Hagener Sicht muss erst einmal der Ennepe-Ruhr-Kreis vollständig durchquert werden, um zu ihm zu gelangen.

Warten auf die Sachzwänge eines technischen Defekts

Als geeignete Strategie zur Badschließung gilt Hoffen und Bangen auf einen teuren Defekt an den technischen Anlagen, für den kurzfristig kein Geld bereit gestellt werden kann. Nachdem sich die Bürger an das Schild „Vorrübergehend geschlossen“ haben und anderswo schwimmen gehen, kann der Abriss poitisch verfügt werden. So geschah es mit dem Nordbad in Bochum, dass nach knapp einem Jahr ohne Betrieb im Becken endgültig schloss. So mancher beim RVR scheint zu hoffen, dass man auch so eines der maroden Freizeitbäder los werde. Das Bad in Bottrop-Vonderort soll auf dieser Wunschliste ganz oben stehen.
Dabei profitieren die Bäder nicht gleichmäßig, wenn eines vom Markt verschwindet. Die Besucher des abgebrannten Wananas habe ich nicht eindeutig im Gysenberg-Bad (LAGO) finden können. Ich bin gespannt wie der dortige Rat der Stadt Herne die Fragen um Neubau oder Anbau des Bades als Freizeitbad und/oder Bad für Schul- und Vereinsschwimmen entscheidet. Bei der Frage spielt auch die Höhe der einzunehmenden Versicherungssumme eine Rolle, die den Bau erleichtert, aber nicht den Betrieb als Zuschuss-Betrieb.

Die Strategie um die damalige Schließung des Bochumer Stadtbades kann als gescheitert betrachtet werden. Sie kann aber auch als eine Ausformung von „Vorübergehend geschlossen“ und „Neu für alt“ angesehen werden. Das alte Stadtbad wurde demnach durch ein neues Bad in privater Trägerschaft abgelöst. Das milderte den Protest. Ein dauerhaft wirtschaftlicher Betrieb des verringerten Angebots war weiterhin nicht möglich. Mit einem erneuten Bürgerbegehren ist jetzt nicht mehr zu rechnen. „Die Nachricht über die Schließung des Stadtbades kann niemanden überraschen“, erklärt dazu Roland Mitschke, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Ratssfraktion Bochum, der die Rahmenbedingungen des Bochumer Stadtbades hinterfragt.

Wer die Schließung nicht will, muss konsequenterweise fuer einen dauerhaften städtischen Betriebskostenzuschuss eintreten.

„In den Verträgen mit dem damaligen Investor, der bekanntlich das Projekt vor einigen Jahren verkauft hat, waren Konditionen über den Betrieb, z.B. das Eintrittspreisniveau, und eine grundsätzliche, aber nicht konkretisierte Verpflichtung der Stadt, hier Schulschwimmen stattfinden zu lassen, enthalten. Der Investor hatte eine 10-jährige Betriebsverpflichtung übernommen“, so Mitschke weiter.

Während Haeusser-Bau und Nachfolger sich demnach 100-prozentig an die eingegangenen Verpflichtungen gehalten haben, hätte das Schulverwaltungsamt das zugesagte Schulschwimmen immer weiter reduziert und dem Projekt damit eine Finanzierungsgrundlage entzogen. „Insofern ist die Schließung nach Ablauf der 10-jährigen Betriebspflicht konsequent“, folgert Roland Mitschke.

Er verweist auch darauf, dass trotz mehrfach Intervention bei der Stadtverwaltung, kein dauerhaftes Einlenken der Stadtverwaltung Erreicht werden konnte: „Selbst der nach dem Betriebsausfall von der Betreiber-GmbH vorgetragene Bitte, Schwimmkurse in städtischen Bädern abhalten zu dürfen, damit die Mitarbeiter nicht von heute auf morgen auf der Strasse stehen, wurde erst nach Einschaltung von Townsend entsprochen.“
Zusammenfassend erklärt Roland Mitschke zur Zukunft des Stadtbades: ,Meines Erachtens hält sich die öffentliche Aufregung in Grenzen. Wer die Schließung nicht will, muss konsequenterweise für einen dauerhaften städtischen Betriebskostenzuschuss eintreten.“

Das Haushaltssicherungskonzept und die dringenden Begehrlichkeiten an anderer Stelle, auch bei städtischen Bädern, werden es in Bochum wie anderswo nicht zu lassen, die Ausgaben zugunsten eines Schwimmbetriebs zu erweitern. Letztlich gibt es im Ruhrgebiet zu viele Bäder bei zudem sinkender Nachfrage und schrumpfender Bevölkerung.

6 Gedanken zu „Zu viele Bäder im Ruhrgebiet: In Bochum schließt das neue Stadtbad nach nur 10 Jahren“

  1. Pingback: Pottblog
  2. Soweit völlig richtig. Den letzten Satz kann man so 1:1 auf Konzerthäuser übertragen:

    „Das Haushaltssicherungskonzept und die dringenden Begehrlichkeiten an anderer Stelle, auch bei städtischen Bädern, werden es in Bochum wie anderswo nicht zu lassen, die Ausgaben zugunsten eines Konzerthauses zu erweitern. Letztlich gibt es im Ruhrgebiet zu viele Konzerthäuser bei zudem sinkender Nachfrage und schrumpfender Bevölkerung.“

    Warum gilt bei Konzerthäusern für Sie etwas anderes als bei Schwimmbädern?

    Das Stadtbad zählte 122.000 Besuche davon etwas über 32.000 Schulbesuche. Die BoSy mit Konzerthaus sollen 52.000 Beuche zählen, bei 10-15.000 Besuchern.

    Ein Schwimmbadbesuch im Stadtbad müsste von der Stadt mit 2,32 Euro bezuschusst werden, ein Konzertbesuch mit 207 Euro.

    Wären Sie in Ihrer Haltung konsequent, hätten sie am 05.07. nicht gegen das „Musikzentrum“ stimmen müssen?

  3. Sie vergleichen per unzulässiger Analogie Äpfel mit Birnen. Das „neue“ Stadtbad ist übrigens Privateigentum.

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