Steag-Kaufpreis, oder: Wo’s brennt!

Vor anderthalb Jahren wurde der Kauf von 51 % der Steag, ehemals Steinkohlen-Elektrizität AG Essen, wirksam. Der aus der Ruhrkohle AG (RAG) hervorgegangene Evonik-Konzern verkaufte den Stromproduzenten und Kraftwerksbauer an ein kommunales Konsortium der Städte Bochum, Dinslaken, Dortmund, Essen und Oberhausen. Es sollte ein gutes Geschäft werden, denn mit den Gewinnen der Steag sollte der Kredit für ihren Kauf bezahlt werden. Kommunen ist dies leichter möglich, da sie Kredite, Kommunalkredite, günstiger bekommen, da sie laut Gesetz nicht insolvent werden können. Die Banken verzichten daher auf einen Risikoaufschlag oder setzen diesen äußerst gering an. Sollte wirklich mal eine Kommune pleite sein, dann wird gehofft, dass das Land NRW einspringt. Im Ergebnis bieten Banken Kommunen günstigere Kreditzinsen.

Steag – Verwaltungsgebäude in Essen

Das Kalkül ist einfach. Über einige Jahre oder Jahrzehnte sollen die Gewinnausschüttungen der Steag benutzt werden, um den Kredit der Kommunen zu bedienen. Vielleicht bleibt sogar noch etwas übrig. Am Ende verfügen die Kommunen über ein beachtliches Vermögen, nämlich den Wert der Steag. Zudem kann erheblicher Einfluss in der Energiewirtschaft ausgeübt werden, was auch gut für die eigenen Stadtwerke ist, zu deren Dienstleister sie ausgebaut werden soll. Ähnlich läuft der Deal von Bochum und Dortmund zum Kauf der Gelsenwasser AG. Bisher ist in den städtischen Säckeln nichts davon zu spüren. Der Trick klingt gut, nur klappen muss er.

Erheblich Risiken

Dabei gibt es erheblich Risiken, vor denen auch einige beim Erwerb der Steag gewarnt haben. Die Steag kommt aus der Kohleverstromung. Sie betreibt Kraftwerke international, aber auch in Nordrhein-Westfalen. Dabei handelt es sich um „alte Stinker“, wenige effiziente Altkraftwerke. Der Bau effizienterer Kraftwerke und die Umstellung auf regenerative Energiequellen wird angestrebt. Das alles in einem Markt mit wenig Akteuren, aber komplizierten Strukturen. Die Kommunen an der Ruhr sind selber erheblich am Energieproduzenten und -lieferanten RWE beteiligt, der jedoch die Steag als Konkurrenz sieht und die Stromlieferverträge von der Steag erst einmal kündigte. Der Umbau des Steag-Konzerns, die Entwicklung neuer Geschäftsfelder und die Energiewende müssen erst einmal bewältigt werden, damit der „Deal“ der Rekommunalisierung gelingt. Wie schon beim Traum, aus Gelsenwasser regionale Stadtwerke zu entwickeln, treibt hier auch der Wunsch einiger kommunaler Akteure, wieder einen kommunale Versorgungskonzern aufzubauen. VEW lässt grüßen.

Was kosten weitere 49 % der Steag, die noch zu bezahlen wären?

Mittelfristig gibt es Risiken, die wirtschaftlich und politisch verkraft werden müssen. Die Energiewende gehört dazu, auch der Klimaschutz. Diese Herausforderungen habe Auswirkungen auf den Wert der Steag. Daran wird sich dann messen lassen, ob der Erwerb von 51 % ein gutes oder ein schlechtes Geschäfts war. Mehr noch: Es wurde eine Put- und eine Call-Option zu verschiedenen Daten vereinbart. Demnach können die Kommunen den Verkauf der übrigen 49 % verlangen (call), umgekehrt aber auch Evonik den Kauf (put). Die Frage ist nun zu welchem Kaufpreis dies geschieht bzw. wie dieser angepasst wird. Die Regelungen dazu werden sich nicht-öffentlich in den Verträgen der Partner finden. Denkbar wäre ein Kauf zum damaligen Preis der 51 %, über einen einfachen Dreisatz auf 49 % angepasst. Denkbar wären auch Anpassungen je nach Entwicklung der Steag. Sowas hat aber auch immer seine Grenzen, da die Zukunft nie genau vorhergesagt werden kann. Im Idealfall für Evonik bekommt der Konzern noch etwas mehr Geld. Evonik will sich auf die Sparte Spezialchemie spezialisieren. Die Steag passte da nicht ins Portefeuille. Die Hoffnung ist, dass ein spezialisiertes Unternehmen einen höheren Börsenwert erzielen kann.

Über eine derartige positiven Entwicklung der Steag wären trotz höherem Kaufpreis für 49 % sicher auch die Kommunen interessiert. Doch was ist, wenn es nicht dazu kommt? Entwickelt sich die Steag schlechter, war das gesamte Geschäft nicht so gut. Wirtschaftlich könnte problematisch werden, dass die Kreditraten für den Kauf nicht mit den Gewinnausschüttungen gedeckt werden könnten. Prompt nach dem Kauf der Steag konnte diese die Gewinnausschüttungen nur durch Heranziehung von Rücklagen decken. Aus dem Ergebnis war sie nicht aufzubringen. Die Tilgung der Kredite für den Kauf könnten gestreckt werden, aber die Banken entdecken auch, dass das Risiko höher ist als gedacht. Das schraubt den Zins nach oben. Politisch und ggf. mit Konsequenzen auf die eigenen kommunalen Haushalte wäre es jedoch brisant, wenn die restlichen 49 % der Steag zu einem Preis oberhalb des aktuellen Wertes gekauft werden müssten. Das totsichere Geschäft wird dann schnell zum Bumerang, wirtschaftlich vielleicht, aber sicher politisch. Evonik dürfte es wirtschaftlich freuen.

Um das Risiko zu kennen, muss man wissen, was im Vertrag steht. Öffentlich lässt sich nur Folgendes in Erfahrung bringen, hier zitiert aus der Verwaltungsvorlage Nr.20110065 der Stadt Bochum:

der Erwerb von weiteren 49 % der STEAG durch die KSBG nach dem in Ziff. 2.3.
erläuterten Kaufpreismechanismus – dies gilt sowohl im Falle der Ausübung einer Call-
Option durch die KSBG als auch für den Fall der Ausübung einer Put-Option durch Evonik
nach den Regelungen des Option Agreements –

Ziffer 2.3 findet sich in Vorlage Nr. 20110046. Daraus darf ich nicht zitieren, denn sie ist nicht-öffentlich. Den genauen Wälzer des Vertrags kann man auch als Ratsmitglied höchstens einsehen. Aber es ist auch okay, dass es Zusammenfassungen dazu gibt.

Steag: Kunstwerk auf dem Rasen vorm Verwaltungsgebäude in Essen

„Da brennt der Baum licherloh!“
Klaus Franz, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion Bochum zur Situation der Steag

Die Entwicklung der Steag sehe ich nicht rosig. Ein Blick auf veröffentlichte Zahlen und den Geschäftsbericht 2011 zeigt mir das. So ein Geschäftsbericht stellt das Unternehmen meist positiv dar. Er dient ja auch der Außendarstellung. Zwischen den Zeilen und in den Lücke finden sich jedoch Hinweise. So lese sich auf der Internetseite (15.10.2012) der Steag folgende Angaben (Spalten umgestellt):

in Millionen € 2010 2011
Umsatz 2809 3067
Ergebnis vor Ertragssteuern 257 28
EBITDA 437 491
EBIT 353 405
Anzahl der Mitarbeiter 4804 5766

Bis auf das entscheidende Ergebnis vor Ertragssgteuern, das erheblich gesunken ist, stellen sich absolut betrachtet alle Zahlen mit einer deutlich positiven Entwicklung dar. Allerdings beschäftigt die Steag gegenüber dem Vorjahr rund 950 Mitarbeiter mehr. Wurden da überzählige Mitarbeiter von Evonik zur Steag verschoben oder Firmen erworben? Der Grund dieser Veränderung wäre genauer zu analysieren. Ich unterlasse das hier und stelle nur fest, dass sich alle Zahlen bezogen auf die Zahl der Mitarbeiter verschlechtert haben. EBIT, EBITDA, Umsatz und Ergebnis je Mitarbeiter haben sich gegenüber dem Vorjahr verschlechtert.

Abschreibungen – Walsum 10 geht erst Ende 2013 ans Netz

Im Geschäftsbericht der Steag für das Geschäftsjahr 2011 werden dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Joachim Rumstadt, auch positive Entwicklung aller Werte plakativ als Titel in den Mund gelegt, siehe Seite 04 des Geschäftsberichts. Einen Hinweis auf das Ergebnis vor Ertragssteuern finde ich nicht auf dieser Seite aber den Satz: „Bei Abschreibungen und Wertminderungen schlug allerdings Walsum 10 mit 241 Millionen € deutlich zu.“ Weg war das Geld. Die Abschreibungen und Wertminderungen betrafen insgesamt 378 Mio. €, darin enthalten auch 5 Biomasseanlagen.
Beim Kraftwerk Walsum 10 gibt es technische Probleme. Der Geschäftsbericht führt an, dass der kommerzielle Betrieb im September 2013 beginnen könne. Möge es dabei bleiben. Dann erzielt das Kraftwerk Einnahmen, wenn der Strom zum entsprechenden Preis verkauft werden kann.

Die weiteren finanziellen Aussichten für 2012 sehen laut Geschäftsbericht 2011 so aus:

Die operative Ergebnisgröße EBIT für 2012 wird deutlich unter dem Wert für 2011 erwartet. Zum einen war das Jahr 2011 erheblich durch weitgehend einmalige Ergebnisse (zum Beispiel Vertragsanpassungen) bzw. wiederkehrende Ereignisse von außerordentlicher Ausprägung (zum Beispiel Kohlepreisanpassungen bzw. Nachverrechnung für Vorjahre) gekennzeichnet. Zum anderen wird das Ergebnis im Jahr 2012 insbesonder durch Vorlaufkosten für Wachstumsprojekte, höhere Revisionsaufwendungen an den Standorten Voerde/West, Lünen und Herne sowie Effekten aus rückläufigen Erträgen aus dem Finanzierungsleasing belastet. Bei dem Kraftwerksprojekt auf den Philippinen wirkt sich eine fragliche Anpassung der Strompreise ergebnismindernd aus. Im Geschäftsbereich Erneuerbare Energien und Dezentrale Anlagen ist ein deutlicher Margerückgang durch den Wegfall der Erlöse der Direktvermarktung zu verzeichnen. (S. 53)

Dauerhafte Verschlechterung zu erwarten

Ups! Die Verschlechterungen für das folgende Geschäftsjahr sind dauerhafter Art oder wiederkehrend, zum Beispiel der Revisionsbedarf bei Altanlagen. Zudem war das schlechte Ergebnis 2011 aufgrund von Einmaleffekten so gut. Da mag der Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum Bernd Wilmert, der zugleich Vorstandsmitglied des Steag-Konsortiums ist, noch so sehr beteuern, dass die Ausschüttungen bis 2015 gesichert seinen. Für die Ausschüttungen in diesem Jahr musste auf Rücklagen zurückgegriffen werden. Das bedeutet Substanzverzehr und Wertminderung. Für 2013 mag es weniger Großrevisionen geben, aber das dann hoffentlich Strom produzierende Kraftwerk Walsum 10 wird durch Kosten für CO2-Zertifikate belastet werden. Sollten Altanlagen nicht mehr marktfähig sein, können weitere Abschreibungen drohen.
Das alles beeinflusst den Wert der Steag – und zwar nach unten.

Energiewende à la Steag

Ulrich Horn berichtet zur Steag unter dem Titel „Global Players in der Lokalpolitik“ (16.10.2012).

3 Gedanken zu „Steag-Kaufpreis, oder: Wo’s brennt!“

  1. … gut analysiert. Nur wussten wir das nicht vor dem Kauf? Jeder Ökonom hat nie was anderes behauptet…

    … und ich dachte immer die Kommunen machen Dinge, um die Daseinsvorsorge sicher zu stellen. Dazu gehören Spekulationsgeschäfte wie dieses wohl nicht dazu. Warum soll Bochum Einfluss in der Energiewirtschaft ausüben? Und wie? Die Stadt hat ja auch noch ein paar RWE Aktien. Natürlich auch zu einem nicht unwesentlichen Teil auf Pump gekauft. Die Sperrminiorität ist trotzdem Futsch.

    Wenn Einfluss möglich ist, dann müsste der doch auf die Energiepolitik zumindest in NRW spürbar sein. Ist er aber nicht.

    … Am ende zahlen die Bürger, weil Ratsherren, die null Komma nichts von Wirtschaft verstehen, sich haben einen dicken Deal aufschwatzen lassen.

    … hatten wir das nicht schon mal: Cross-Border-Leasing?

    … von solchen Deals würden sogar viele Ökonomen mangels hinreichender Kenntnisse des Energiegeschäftes die Finger lassen, aber die Ratsherren haben da wohl mehr Durchblick… .

  2. … und Sie haben wenig Duchblick von Politik, sind selber Politiker, der sich immer als „Bürger“ darstellt.

    Ich hab gegen den Kauf der Steag gestimmt und für den Verkauf der RWE-Aktien, als das wirtschaftlich Sinn ergab. Da muss jedesmal gerechnet werden.

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