Mit dieser Frau teile ich ‚Table and Bed‘

Dass wir Tisch und Bett teilen, hätte ich meiner Frau sicher nicht gesagt. Wir sprechen zuhause English. Allerdings hätte ich ihr auch nicht gesagt that we share our board and bed. Diese britische Redewendung kennt Pamela nicht. Ihre Muttersprache ist amerikanisches Englisch. Meine Zweitsprache ist britisches Englisch. Es hat uns nicht geschadet, dass wir zuhause gelegentlich aneinander vorbeireden.

Wir reden Englisch zuhause. Zumindest wenn wir keine Gäste haben. Dann wechselt meine Frau ins Deutsche über – aus Höflichkeit. Ich finde das nicht schlimm. Wir leben in Deutschland, täglich in einem deutschsprachigen Umfeld. Als wir uns vor 10 Jahren kennenlernten, kannte sie eine Handvoll deutscher Wörter und teilweise deren Bedeutung nicht, zum Beispiel Ja, Nein, Gesundheit und Fahrvergnügen – ein Wort aus einer US-amerikanischen Werbung von Volkswagen.

Kein Deutsch zuhause

Meine Frau hat eifrig Deutsch gelernt, auch als sie noch in Großbritannien und Frankreich lebte. Ich war die Ursache. Und als sie dann in Deutschland lebend eine Zeit lang arbeitslos war, fiel auf, dass ihr Deutsch etwas schlechter wurde. Da haben wir dann gegengesteuert.
Viele Freunde und Bekannte meinen uns den Rat geben zu müssen, wir sollten zuhause Deutsch sprechen. Das wäre besser für Pamela. Ich verstehe, wenn dass nach einem Tag lang in deutscher Umgebung nicht mehr leicht fällt. Wir sprechen dann zuhause Englisch. Wenn ich dann aber zu erschöpft wird, wechsel ich den Ton der Sitcom im Fernsehen von Englisch auf Deutsch.

Chance zweisprachigen Nachwuchses

Wir kennen andere Paare, die unterschiedliche Muttersprachen sprechen. Wir fragen sie nicht, was sie zuhause sprechen. Von einigen wissen wir, dass sie ähnlich vorgehen, solange keine Kinder vorhanden sind. Ein Freund hat nach Norwegen geheiratet und die Sprache gelernt. Zuhause wird abends Deutsch gesprochen.

Kinder verändern die Sprachverteilung, weil die Eltern die Chance sehen, ihre Kinder zweisprachig zu erziehen. Dann muss jedes Elternteil seine Sprache sprechen. Nicht immer klappt das. Oft verstehen die Kinder beide Sprachen, antworten aber im Regelfall nur in einer.

Zugegeben, Deutsch und Englisch zusammen ist ja eine tolle Kombination. Deutsch-Französisch ist auch super, aber wie sieht es mit Deutsch & Türkisch aus? Gelegentlich helfen meine Frau und ich Jüngeren bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen, die dann auch in English vorliegen. Dabei kam mir ein Abiturzeugnis unter, wo neben Englisch als weitere Fremdsprache Türkisch ausgewiesen worden war. Das finde ich gut, habe aber Zweifel, dass es wirklich hilfreich ist. Wie sähe es denn aus, wenn ein türkischstämmiger Deutscher als Fremdsprache Englisch und Polnisch angeben? Draußen, in der richtigen Welt, wo die ökonomische Verwertung der Sprachkenntnisse zählt, gibt es Sprachen von unterschiedlichem Wert. Ein Sprach-Rassismus?

Gibt es Sprachen von unterschiedlichem Wert?

Englisch, Französisch, Spanisch und auch Italienisch – das sind Fremdsprache, die in meinem Umfeld vermutlich recht weit verbreitet sind. Und auf den zweiten Blick auch Russisch, Polnisch und Türkisch. Die ersten drei haben den Rang von weltweit gängigen Verkehrssprachen, die letzten drei sind durch Migration bedingt stärker vertreten. Erstere Sprachen werden oft bewusst erlernt, letztere werden vom Elternhaus aus erworben. Es gibt Ausnahmen. Ich habe mich auch mal ein halbes Jahr mit Russisch beschäftigt.

Die Weltverkehrssprachen sind wichtig, um durch die Welt zu kommen. Und daher wird ihrer Kenntnis sicher ein großer ökonomischer Wert beigemessen. Weite Verbreitung, auch als Fremdsprache, so dass die Verkehrssprache ihren Nutzen hat. Doch das Kalkül haben viele. Dem großen Bedarf stehen viele Anbieter gegenüber.

Exoten-Sprachen als Chance

Mit jüngeren Niederländern und Flamen „in meinem Milieu“ wird oft Englisch oder Deutsch gesprochen. Ich versuche mich seit einigen Jahren mit Niederländisch. Bei komplexen Unterhaltungen zu komplizierten Vorgängen ist es viel authentischer, wenn jeder in seiner Muttersprache antwortet, die der Gegenüber passiv besser versteht, als er sie aktiv spricht. Aber es ist auch vertrauensfördernd, wenn bei den sozialen Handlungen rundherum, zum Beispiel beim gemeinsamen Essen, mal die Sprache des anderen gesprochen wird. Das gilt gerade dann, wenn es es keine Weltverkehrssprache ist, sondern eine Nische, die französisch niche heißt.

Die Nische hat auch ihren ökonomischen Wert. Sie bietet die Chance für ein Alleinstellungsmerkmal, oder auf Deutsch unique selling point. Die Nachfrage ist geringer, aber auch das Angebot. Ich erinnere mich an die Geschichte des eher mittelmäßigen Rechtsreferendars, der eine Stelle bei einer renommierten Großkanzlei bekam. Hart wie der Konkurrenzkampf ist, hat man ihn wissen lassen, dass es nicht seine Noten waren, sondern seine Polnisch-Kenntnisse, die ihn interessant machten.

Mit diesen Ansichten gebe ich folgende Ratschläge:

  1. Lernt Sprachen, mindestens zwei plus Deutsch.
  2. Ohne minimales Englisch geht es eigentlich nicht
  3. Lernt eine Verkehrssprache passable.
  4. Lernt eine Nischensprache.
  5. Geht Ihr länger ins Ausland, lernt die dortige Sprache.

Unter Politikwissenschaftlern – wie ich einer bin – beobachte ich seit 9-11 eine Tendenz, arabisch zu lernen. Versucht es auch mal mit serbokroatisch, asiatischen oder afrikanischen Sprachen. Breiter streuen ist sinnvoll.

Sprachprobleme oder Bildungsprobleme?

Meine Sicht ist sicher ein stark bildungsbürgerlich geprägte. Wer zwei oder drei Sprachen spricht, dürfte keine größeren Integrationsprobleme in Deutschland haben. Der wird nahe liegend auch noch eine weitere Sprache lernen wollen, die er dann im „alltäglichen Leben“ nutzt. Bei der Debatte um eine eventuelle Forderung der CSU, zuhause Deutsch zu sprechen, ist am Ende das „alltägliche Leben“ im Leitantrag an den Parteitag geblieben. Den Anlass für politische Forderungen dieser Art sehe ich darin, dass viele Migranten nach Deutschland kommen, die nur ihre Muttersprache sprechen. Und es gibt Menschen mit Zuwanderungshintergrund, die Bildungsdefizite – und Sprachdefizite – haben. Es kommen aber auch viele Gebildete nach Deutschland, die allzu oft mit in den gleichen Topf geworfen werden.

Das deutsche Schulsystem kann niemand mehr verlassen, ohne Englisch gelernt zu haben. Sprachkenntnisse sind nur das Symptom einer Einstellung zur Welt und zu Bildung.

P.S.: ‚bed and board‘ kann auch mit ‚Kost und Logis‘ übersetzt werden.


Integration durch Sprache

Damit das gesellschaftliche Miteinander funktioniert, müssen Migranten die deutsche Sprache sprechen lernen. Der Nachzug von Familienangehörigen aus Staaten außerhalb der EU und der Türkei soll weiterhin grundsätzlich an den Nachweis deutscher Sprachkenntnisse vor der Einreise gebunden bleiben. Für Ausländer, die ohne Sprachkenntnisse einreisen oder hier bleiben, bieten wir Sprachföderung in allen Lebenslagen an. Wer dauerhaft hier leben will, soll motiviert werden, im täglichen Leben deutsch zu sprechen. (aus Leitantrag der CDU, nach Stefan Rauhut MdL (CSU), 8.12.2014)

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