Rot oder Weiß? Urbane Wein-Kultur an der Ruhr emanzipiert sich

Vom 21. bis 25. Mai 2014 findet in der Rotunde im Bochumer Bermudadreieck das Weinfestival „Weine vor Glück“ statt. Gegenüber dem Vorjahr haben sich Zeitraum des Festivals und die Zahl der teilnehmenden Winzer auf 40 verdoppelt. In 2013 hieß das Festival von Oliver Soppala noch Vinolucion, aber markenrechtliche Schwierigkeiten führten zu Änderung. Eine Google-Suche unter „Vinolucion“ bringt Berichte zur Erstauflage des Festivals hervor, die beschreiben, was dieses Wein-Event so anders macht. Ziel ist es, Wein als Ausdruck des Lebensgefühls einem jüngeren, urbanen Publikum nahe zu bringen. Viva la Vinolucion!

Stadt, Land, Wein
Stadt, Land, Wein
„Zwei Franken gehen in eine Kneipe im Ruhrgebiet“, beginnt ein alter Witz über die ungebildeten, einfachen Menschen im Ruhrgebiet. „Sie würden gerne einen Wein trinken. Drauf erwidert der Wirt: Rot oder Weiß?“ Der Witz kann hier enden, aber teilweise wird ergänzt, dass die Franken darauf sehr irritiert antworteten. Und ich kenne noch aus den Schuljahren einige solcher Alt-Oppa-Kneipen mit Herren- und Damengedeck und der bipolaren Option von Rotwein oder Weißwein. Doch das ist vorbei. Bodegas gibt es und auch kleine Stuben, wie die von mir geschätze – und nur selten besuchte – Eickeler Vinothek des aus Wattenscheid-Höntrop stammenden Kai Weyers. Das hat nichts mit Alt-Oppa-Kneipe oder piefiger Winzerromantik in urigen Kellern zu tun. Es gibt eine städtischen Version der Straußenwirtschaft: für den einen eine Vinothek, für den anderen die Bodega.

Das Festival urbaner Weinkultur

Zwei Ballongläser vor der Weinerei, Berlin
Zwei Ballongläser vor der Weinerei, Berlin
Als einen „Mix aus Lifestyle, Kunst und natürlich jede Menge Vino“ kündigt der Weinsnob die Premiere des Festivals in 2013 an. Das trifft das Konzept. In 2014 gibt es einen Tag für’s Fachpublikum, ein Tag bei dem es ums Kochen geht und dann auch einfach nur um’s Relaxen. Und dieser Lifestyle unterscheidet die auf dem Festival gefeierte Weinkultur, die so anders ist, als wir sie uns in Heimatfilmen der 1950er Jahre vorstellen. Die Weinverköstigung findet in anderer, urbaner Umgebung statt. Nicht in einem Weinkeller im Anbaugebiet oder bei einem Winzer, sondern in einem industriekulturell vorbelasteten, umgenutzten Bahnhofsgelände – mit Europaletten als Möbeln und Live-Musik. Das urbane Lebensgefühl der Städter steht im Vordergrund. Und zu diesem gehört auch ein Glas guten Weines. Gut ist der Wein nicht aufgrund von kunstvollem Etikett, vorgeblichen notwendigem Eichenkorken und seiner stammbaumsicheren Herkunft, sondern einfach weil er schmeckt. Schmeckt, Marke drauf, das ist es. Die neue Welt schlichter, aber sehr wohl designter Etiketten unterstützt dies.

Städter bevorzugen fruchtige Wein

Eingang Vinolucion
Rotunde des alten Katholikentagsbahnhofs, Eingang zur Vinolucion 2013
Der Weingeschmack der Städte ist ein anderer als auf dem Lande. Die urbane Wein-Kultur bevorzugt statt säurehaltiger Rieslinge fruchtige Weine. Ein Kontrast zur industriekulturellen Kulisse an der Ruhr? Aber es handelt sich um keinen Geschmacks-Trend, der sich auf die Metropole Ruhr beschränkt. Er ist ein städtisches Phänomen. Und so hat Festival-Veranstalter Oliver Sopalla angekündigt mit einer Ausgabe seines Events nach Berlin gehen zu wollen. Eine Stadt der Blogger. Ein großstädtisches Phänomen, so dass das junge, oft akademische Publikum weiter erobert werden kann. Die Wein-Blogs, wie zum Beispiel Captain Cork kennen das Festival schon. Und so lässt sich der Spieß auch umdrehen, wenn der Wein dem Publikum mit passendem urbanem Lifestyle nahe gebracht wird.

Berlin hat mit der Weinerei schon eine bekannte Institution mit eigenen Formen rund um den Weinkonsum. Der wird dort in Ballongläsern gegen 2 Euro ausgeschänkt. Man sitzt auf Spermüll-Sofas und zahlt am Ende, was man mag. Der Laden ist gut frequentiert. Die Straußenwirtschaft des Prenzlauer Bergs. Auch sie müsste traditionellen Winzern ein Graus sein. Aber die Traditionalisten werden weniger. Auf dem Wattenscheider Weinfest – Veranstalter ist die örtliche Werbegemeisnchaft – haben die ausstellenden Winzer nachgelassen. Es gibt Bier. Aber die Winzer sind auch im Umbruch. Die nächste Generation nicht nur der Trinker auch der Winzer tritt an. Tempora mutantur.

P.S.: Dieser Beitrag enstand bei einem Becher Blaufränkischem aus der Weinfachhandlung Meyerhof hinterm Bochumer Rathaus. Der laut Etikett halbtrockene Rotwein wird unter dem geschützten Markennamen „Vier Jahreszeiten“ vertrieben. So schlicht können die Angaben auf einem Label sein.

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