STEAG-Kauf: Es ist Zeit für ein schlechtes Geschäft

Der Kauf der 2. Tranche, der übrigen 49 % des Energieproduzenten Steag, durch die Kommunen Dortmund (36 %), Duisburg (19 %), Bochum (18 %), Essen (15 %), Oberhausen(6 %) und Dinslaken (6 %) steht in den nächsten zwei Jahren an. Der Kauf und der Kaufpreismechanismus stehen seit dem Erwerb der 1. Tranche von 51 % fest, nur der Zeitpunkt nicht. Der Zeitpunkt hat entsprechend dem vereinbarten, nicht-veröffentlichten Kaufpreismechanismus Einfluss auf den zu zahlenden Preis.

Dass der Kauf der 49 % ein schlechtes Geschäft wird, ist angesichts der Probleme beim Absatz von Kohlestrom und des Baus des Kohlekraftwerks Duisburg-Walsum offenkundig. Die Steag hatte ihre Gewinnausschüttung in Vorjahren aus Rücklagen bedienen müssen, nicht aus erwirtschafteten Gewinnen. Eine Ausschüttung die dringend benötigt wird, um die Kredite für den Kaufpreis von ca. 645 Mio. € bedienen zu können. Ein paar Hundert Millionen werden jetzt für die weiteren 49 % von dem Konsortium der Kommunen aufzubringen sein.

Rasen vor der Steag-Verwaltung, Südviertel Essen
Rasen vor der Steag-Verwaltung, Südviertel Essen
Öffentlich einsehbare Vorlagen an die Räte der Konsortiums-Kommunen liefern nur wenig Aufschluss über den Kaufpreismechanismus. Einiges lässt sich aber abschätzen (siehe „Steag-Kaufpreis, oder: Wo’s brennt!„, 16.10.2012):

  • Es gibt einen Kaufpreis und einen Marktwert eines Unternehmens. Verliert oder gewinnt das Unternehmen Wert, dann gibt es regelmäßig eine Anpassungsklausel. Diese Anpassungsklausel ist jedoch regelmäßig wieder begrenzt.
     
    Ich sag mal so: Ändert sich der Wert leicht, dann ist das das normale, geschäftliche Risiko des neuen Eigentümers. Ändert sich der Wert erheblich, dann lag eine falsche Preisermittlung zugrunde und der neue Eigentümer bekommt die Differenz ganz oder teilweise erstattet bzw. der alte Eigentümer einen Nachschlag. Dieser Nachschlag für den alten oder den neuen Eigentümer wird aber auch begrenzt, um keinen Partner nach Geschäftsabschluss finanziell zu „überfordern“ – quasi eine Reißleine.
     
  • Wenn ein Kaufpreis zu einem späteren Zeitpunkt zu zahlen ist, dann ist er üblicherweise zu verzinsen.
     
    Der Käufer muss regelmäßig höhere Kreditzinsen zahlen als der Verkäufer Zinsen (oder Rendite) erzielen könnte. Es ergibt sich ggf. für beide ein Geschäft. Es sei denn die Renditemöglichkeiten und Zinssätze hätten sich erheblich zwischenzeitlich verändert – ein übliches Risiko. 

Und was ist über die Entwicklung hierzu bekannt? Der Wert der Steag hat erheblich gelitten. Vermutlich muss er kompensiert werden, aber nur bis zum maximal zulässigen Nachschlag – also der Reißleine. Die zweite Tranche wird dann etwas billiger, was aber nur ein schwacher Trost ist, weil es ein schlechtes Geschäft bleibt.

Zinsen sind niedrig

Mit Blick auf den Zeitpunkt des Kaufs der 1. Tranche und die damaligen nierdrigen Zinsen ist festzustellen, dass die Zinssätze für derartige Kredite nochmals gefallen sind. Der Markt für Kredite ist zwar etwas kleiner geworden durch höhere Anforderungen der Kreditgeber, aber es handelt sich noch immer um Kredite an Kommunen, die nicht insolvent gehen können. Und das Zinsniveau liegt zwischenzeitlich deutlich unter 1 %, ja unter einem halben Prozent.

Was heißt das für den Zeitpunkt des Kaufs? Zum einen ist – spekulativ – der Zinssatz derzeit so niedrig, dass die Kredite für die 2. Tranche besser jetzt aufgenommen werden als in zwei Jahren, wenn Evonik von den Kommunen den Kauf verlangen kann. Zum anderen dürfte die vor 3 1/2 Jahren vereinbarte Rendite an Evonik für seine 49 % höher liegen. Für das kommunale Konsortium hieße das, dass die Zinszahlungen an Evonik höher wären als die Zinszahlungen für Kredite, um die restlichen 49 % zu kaufen. Der umgehende Kauf des 49 %-igen Anteils wäre dann ein gutes Geschäft innerhalb eines schlechten Geschäftes.

Es geht darum, wie viel Geld da noch hinterher geworfen werden muss. Und in 2014 ist das weniger Geld als in 2016.

Energiewende à la Steag
Energiewende à la Steag

Politisches Dilemma

Und das führt zu einem Dilemma für Kommunalpolitiker, die den Kauf der Steag ablehnen. Trotz der Ablehnung des gesamten Geschäfts, muss der jetzt anstehenden Entscheidung zugestimmt werden, denn sonst wird das „schlechte“ Geschäft noch schlechter. Würg!

Da der Kauf ja eigentlich schon beschlossen ist, geht es jetzt nur darum, ob jetzt oder später gekauft wird. Später kann Evonik den Kauf verlangen. Es ist wirtschaftlich sehr unwahrscheinlich, dass Evonik sich so ein Geschäft entgehen ließe, zwei Jahre eine Garantierendite und dann noch einen hervorragenden Verkauserlös einzufahren. Das ist Politik.

Rechsgutachten, die den Kauf als unzulässig werten, helfen auch nicht weiter. Sie ändern ja nichts an der Rechtswirksamkeit der Verträge und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sie würden höchstens jetzt – 2014 – den Kauf auf Initiative der kommunalen Konsorten verhindern, die dann 2016 kaufen müssten. Bei Evonik dürften dann wieder die Korken knallen.

Insofern: Es ist Zeit für ein gutes schlechtes Geschäft.

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