Träum weiter – Solide Komödie am Schauspielhaus Bochum

Die junge Künstlerin Nora ist ins ins Koma gefallen. Um sie herum versammelt sich ihre auseinandergedriftete türkisch-griechisch-deutsche Familie und ihre Ex-Freundin. Diese Komödie der Zwischenzustände unter Kulturen, Generationen, Geschlechtern, sexuellen Orientierungen und zwischen Leben und Tod ist mit Charakteren überzeichnet, die alle ihr Päckchen an Problemen im Leben vor sich her tragen. Und manchmal ist es auch mehr als eins.

„Es muss Menschen wie mich geben, damit die Welt nicht untergeht.“

Dennoch bearbeitet die Dortmunder Drehbuchautorin Nesrin Şamdereli – bekannt von „Almanya – Willkommen in Deutschland“ (Youtube-Trailer) – die Themen der Päckchen bis in alle Tiefe. Es ist halt eine Komödie, eine dramatische Komödie mit gutem Ausgang. Und hier will gelacht werden, um den Preis kein Problem zu tief zu bearbeiten.

So überzeichnet die Autorin Nora als bio-deutschen Gutmenschen. Regisseurin Selena Kara lässt Schauspielerin Anne Eigner mit blondem Zopf auftreten. Und diesem Gutmenschen mit Helfer-Syndrom geht es nicht um ein Päckchen, sondern um alle Päckchen, die sie lösen will. Mit dem Ziel dafür gefeiert zu werden, der Gesellschaft ein Vorbild zu geben.

Und dennoch, so stellt in einer Szene der Monologe heraus, ist die Beziehung am Zwang zu Zweisamkeit mit Kind gescheitert. Nil wollte nicht oder noch nicht, was Nora ein Auftrag erschien. Wenngleich Nora daran gefiel, zeitgleich mit Nil schwanger zu sein. Sie wollte Kinder mit dem Kind von Gastarbeitern zeugen. Idealerweise durch Samenspenden von farbigen Flüchtlingen. Mag hier jemand Kritik an verständnisvollen, deutschen Gutmenschen sehen? Der Monolog versöhnt mit dem allzu quirligen Charakter. Und deckt die Häufung der „Päckchen“ als Gegenstand der Komödie auf, wenn es der exzentrische Chefarzt nicht schon getan hat.

Opa und Enkelin auf einer Bank
Nil mit ihrem Dede (Opa) auf der Bank im Wartesaal

Moderner, urbaner Schwank

Einen Moment habe ich mir vorgestellt, ich säße in einen Schwank im Willy-Millowitsch-Theater vor 20 Jahren. Ein katholisches Ehepaar – er Rheinländer, sie Westfälin – erfährt über die heftige Erkrankung ihrer Tochter, dass diese in den protestantischen Pfarrer verliebt ist.

In die Kategorie Schwank dürfte das Stück nicht fallen, weil es die Themen Gastarbeiter und Geschlechterrolle heiter verarbeitet. Auch die Figuren einer lesbischen Künstlerin mit Zuwanderungsgeschichte und eines weiblichen Gutmenschen mit Helfersyndrom sprengen den Rahmen des Schwank. Dennoch handelt es sich um leichte Kost – oder einen modernen, urbanen Schwank.

Mit Vedat Erincin hat Selem Kara auf den Großvater aus „Allemanya“ zurückgegriffen. Die sympathische Rolle des Großvaters spielt er auch hier – wenngleich als Cross-Dresser. Almila Bagriacik, die neue Kieler Tatort-Kommissarin, spielt Nil. Das Stück ist angelegt, populär zu sein. Ein leichter Theaterabend, bei der mir in Bühnenbild und Kostümierung die klare Farbwahl auffiel. Der Szenenablauf auf der Drehbühne wirkt filmisch, was nicht stört.

Uraufführung und Premiere von „Träum weiter“ war am 24. Februar 2018 in den Kammerspielen am Schauspielaus Bochum. Beim WDR gibt es einen Podcast zum Stück.

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