Industriekultur – was ist das?

In Hattingen an der Ruhr steht die Henrichtshütte und gammelte vor sich hin, als mir der Gedanke kam: Das ist Industriekultur? Doch was ist Industriekultur? Nach der Lektüre des zugehörigen Wikipedias wird damit alles das bezeichnet, was im Zusammenhang mit der Kultur und Technik – Kulturtechnik? – des industriellen Zeitalters zu tun hat. Dazu gehört auch eine Kulturlandschaft, die durch das Industriezeitalter geprägt wurde.

Kulturlandschaft war auch der Begriff, der mir zunächst einfiel? Was ist das Ruhrgebiet, was die Region Ruhr bzw. Metropole Ruhr? Geographisch bezeichnet es eine Region, die durch den Abbau von Kohle geprägt ist. Die Prägung erfolgte besonders stark in den letzten zweihundert Jahren durch die industrielle Kohleförderung, die die Region zum Zentrum der Kohle- und Stahlindustrie machte. Nicht nur aufgrund des mit der Industrialisierung verbunden Bevölkerungswachstum und dem Entstehen des heutigen Ruhr wirkt das noch immer nach. Wo kommt es wohl her, wenn die Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) oder leitende Angestellte von RWE Nordrhein-Westfalen als Energieland bezeichnen?

Diese Kulturlandschaft ist aber nicht nur durch Industriebrachen und -Ruinen geprägt, sondern wurd ganz gewaltig umgekrempelt, selbst wenn es den Bewohnern nicht immer auffällt. Flüsse liegen teilweise höher als das Umland und in die sie fließenden Bäche. Hier wird (industrielle) immer Wasser bergaufgepumpt werden, da der Bergbau die Topografie verändert hat. Wassersport ist in Ruhr auch stark verbreitet? Liege ich falsch, wenn ich den größten Kanuclub in Ruhr verorte? Kanäle, einst gebaut für den Kohletransport oder das Anschiffen von Weizen für die Bevölkerung, sind noch immer da, selbst wenn das Verkehrsaufkommen nicht mehr den Betrieb von Schiffshebewerken rechterfertigt. Bahndämme stellen Barrieren in den Siedlungen dar, werden aber mehr und mehr zur Fahrradwegen. Und dann war da noch der erste und zweite Umbau der Emscher …

All das kostet Geld, all das ist politisch, denn das Geldausgeben muss gerechtfertigt sein. Nichts-tun geht aber auch nicht. Der Thatcherismus hat Bergwerke in England und Wales ohne Nachsorge stillgelegt. „Martha Tydfil“ habe ich mal besucht. Nur die Europäische Union steckt da inzwischen was rein. Brachen, insbesondere in den Siedlungskernen, müssen entwickelt werden, sonst werden die Probleme nur vergrößert. Das gilt gerade auch für die sozialen Folgen für die Wohnbevölkerung, wenn auf das Wohnen hingewiesen wird. Aber auch für die Arbeitsbevölkerung. Hinter all der Entwicklung – dem Strukturwandel – stecken auch Menschen. Zu den Menschen gehört ihre Geschichte. Die Menschen und ihre Vergangenheit müssen mit in die Zukunft genommen werden und um diesen eine zugeben, muss auch das Vergangene berücksichtigt werden.

Die Zukunft der Metropole Ruhr liegt nicht auf der grünen Wiese, sondern mitten in inzwischen alten und gewachsenen Städten. Diese Kategorie nimmt die Verknüpfungen auf.

Andernorts

‚Vorort‘ wäre sicher auch ein netter Name für eine Kategorie gewesen, die Berichte in anderen Blogs, auf anderen Internetseiten und in anderen Medien – Radio, Fernsehen, Zeitungen – aufgreift, sofern sie sich auf die Metropole Ruhr beziehen. Aber Vorort ist auch die der Vor-Ort – neudeutsch „downtown“, wenn’s denn so was in Ruhr überhaupt gibt.

Vorort ist aber auch dort, wo die Kohle abgebaut wird – beser: worden ist. Das ist dort, wo gilt: „Vor der Hacke ist es duster.“ Von der Kohle- und Stahlromantik befürchte ich jedoch, dass sie als Titel für eine Kategorie nicht geeignet ist, wenn der eine oder andere Beitrag gerade versucht, diese Revier-Erzählung zu brechen. So muss dann ein etwas mehr abstrakter Begriff her, um als Klammer für das Geschehen vorort zu dienen, über das andernorts berichtet wird.