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Ungar Imre Kozma zum Tag der Deutschen Einheit

Monsingore Imre Kozmar (HU) predigt in der Heimkehrer-Dankeskirche, BochumPfarrer Imre Kozma war 1989 Anwalt der Deutschen aus der DDR in Budapest und ganz Ungarn. (siehe auch diesen Artikel der WAZ) Er war mitbeteiligt, sich um die Versorgung von 48.000 Deutschen zu kümmern, die schließlich über Ungarn ausreisen konnten. Während in Ungarn die Flüchtlinge in Zelten und Kirchen untergebracht wurden, saßen andere zum Beispiel in der Deutschen Botschaft in Prag, wo dann die berühmten Worte von Hans-Dietrich Genscher gesprochen wurden: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist.]“ Heute ist Pfarrer Imre Kozma Vorsitzender des ungarischen Malteser-Caritasverbandes.

Imre Kozma predigte im Rahmen eines Gottesdienstes des Ost-West-Arbeitskreise in der Heimkehrer-Dankeskirche in Bochum-Weitmar, der wieder mehrer Hundert Besucher anzog. Der Gottesdienst wollte darauf verweisen, dass die Deutsche Einheit nicht das Werk Einzelner oder allein der Deutschen gewesen ist. Die bedeutende Rolle der Ungarn und einer göttlichen Gnade wurden betont. Wenn ich sage, dass Imre Kozma zur Deutschen Einheit sprach, dann betone ich damit, dass er in seiner Predigt auf die zeitgeschichtliche Situation und auf den Handlungsrahmen der ungarischen Regierung damals einging. Dabei bettete er den einseitigen Akt der Öffnung des Eisernen Vorhangs in eine Reihe ungarischer Aktivitäten ein, um das Verhalten der Sowjetunion zu testen. Hier aus meinem Gedächtnis die interessanten Punkte, die seine Sichtweise darstellen:

  • Die Ungarn hätten den Eisernen Vorhang bereits nicht erneuert. Gegenüber Vertretern der Sowjetunion war dargestellt worden, dass dafür keine Geld vorhanden sei und dies auch nicht zu den Bemühungen um eine Weltausstellung passte. Auch war bereits mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs hin zu einer bewachten grünen Grenze begonnen worden, bevor das bekannte pan-europäische Fest stattfand, das die ersten Deutschen aus der DDR nutzten.
  • Den Ungarn war bereits bei Gespräche mit Michail Gorbatschow versichert worden, dass sich 1956 – die Niederschlagung des so genannten Ungarnaufstands – nicht wiederholen würde, so lange er im Kreml säße. Dies habe u.a. ungarische Wünsche nach einer Reduzierung der sowjetischen Truppen und der Einführung eines Mehrparteiensystems betroffen.
  • Die zeitlich und räumlich begrenzte Öffnung der Grenze im Rahmen eines pan-europäischen Festes wäre ein weiterer Test gewesen. Die Grenzbefestigungen seine vorher bereits unweit sowjetischer Kasernen entfernt worden, ohne dass es zu Protesten aus Moskau gekommen sei. Das habe schließlich zu einer Öffnung der Grenze geführt, die auch für Deutsche aus der DDR offen stand. Dies wiederum stellte die einseitige Aufkündigung eines Abkommens mit der DDR dar und geschah über die Unterschrift unter die Genfer Flüchtlingskonvention.
  • Imre Kozma verwies auf die große logistische und humanitäre Hilfe, die die Ungarn seinerzeit leisteten. Auch seien die Bundesregierung kurz vor Öffnung der Grenze vorgewarnt worden, um die Aufnahme logistisch bewältigen zu können.

Den ungarischen Beitrag zum Fall des Eisernen Vorgangs kann man gar nicht überschätzen. Es ist aber auch interessant, die für die Deutschen so bedeutenden Schritte einmal im Rahmen eines ungarischen Handlungsstranges zu betrachten. Es handelte sich dabei auch nicht nur um einen zur Überwindung eines geteilten Deutschland wichtigen Beitrag, sondern – für die Ungarn bedeutender – um eine Beitrag zur Überwindung der europäischen Teilung. Ein Aspekt der bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit leicht verloren geht. Gedanklich möge dies an die mahnenden Worte von Alt-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl im Vorfeld der diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit anschließen, dass die CDU – und somit die Bundesregierung und Deutschland – die Einigung Europa mit Initiativen voranbringen müssen.