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Landtagswahl: Wähler im Ruhrgebiet strafen SPD mit Zweitstimme für AfD ab

  • Hohe Stimmanteile für die SPD korrelieren mit hohen Stimmanteilen für die AfD bei den Zweitstimmen.
  • Stimmbezirke mit hohen Stimmanteilen für die bürgerliche Parteien CDU, FDP und Grüne weisen geringe AfD-Anteile auf.
  • Wahlsieg der CDU ist bestimmt durch eine starken Verluste bei den Zweitstimmen der SPD.

    „Im Herzen Sozi. Deshalb bei der AfD.“ plakatierte eben diese im Landtagswahlkampf 2017. Das Bild zeigt mit Guido Reil einen ehemaligen Vorsitzenden eines SPD-Ortsvereins im Essener Norden. Und das hat wohl gesessen. Es fiel zuerst meiner Frau auff: Der Abstand des Wattenscheider Direktkandidaten der SPD – Serdar Yüksel – zum Zweistimmenanteil der AfD entspricht in vielen Stimmbezirken dem Stimmanteil der AfD.

    Also dann mal den Methodenkasten ausgepackt. Mit ein paar Tagen Verspätung lassen sich die Daten aller Stimmbezirke der Stadt Bochum für eine Tabellenkalkulation herunterladen. Flugs ein paar Korrelationskoeffizienten errechnet. Und siehe da. Es scheint zu stimmen.

    • Hohe Stimmanteile der SPD korrelieren mit hohen Stimmanteilen der AfD [Koeffizient 0,43], anders: Wo die SPD stark ist (war), ist auch die AfD stark.
      Ein Test zur Überprüfung, der deutlicher ausfallen müsste, wäre eine Korrelation zwischen dem Zweitstimmenergebnis der AfD 2017 mit dem SPD-Stimmenanteil 2012. Die Daten hatte ich gerade nicht zur Hand./li>
    • Die summierten Ergebnisse der drei bürgerlichen Parteien CDU, FDP und Grüne korrelieren umgekehrt [Koeffizient -0,63]: Wo diese Parteien stark sind, ist die AfD schwach./li>
    • Korrelationen von CDU bzw. FDP mit dem AfD-Stimmanteil sind im Vergleich deutlich schwächer. [-0,28 bzw -0,36]

     

    Die SPD hat die Wahl an der Ruhr stärker verloren, als dass die CDU sie gewonnen hat

    Die CDU fuhr am 14. Mai 2017 landesweit 33,0 Prozent der Stimmen ein. Damit ist sie Wahlsieger in Nordrhein-Westfalen. Dennoch ist das Ergebnis das zweitschlechteste der CDU in NRW. Im Jahr 2005 hatte Jürgen Rüttgers 44,8 Prozent erhalten, bei damals 37,1 Prozent für die SPD. Der Wahlsieg beruht nicht nur darauf, dass Armin Laschet die CDU aus dem Tief von 2012 wieder herausgeführt hat, sondern auch auf einer Schwäche der SPD. Das erklärt dann, weshalb die SPD im Ruhrgebiet mit > 10 % mehr verloren hat als im übrigen Nordrhein-Westfalen. Hier war einfach mehr zu verlieren.

    Und auch wenn die CDU zahlreiche Stimmen von ehemaligen SPD-Wählern erhalten hat, so ist dennoch bedauerlich, dass eine Wanderung von der SPD zur AfD erfolgte. Das kann eine Ablehnung der CDU sein, aber auch schlicht aller Parteien. Diese Stimmen für die AfD stellen einen Protest gegen das System dar. Daher dann auch die häufige Kombination aus der Erststimme für den SPD-Kandidaten und der Zweistimmen für die AfD. Die SPD hat große Teile ihrer Wählerschaft inhaltlich enttäuscht, schließe ich daraus. Da helfen dann auch Köpfe nicht – außer der von Guido Reil, dem prominentesten Abtrünningen.

    Ein Blick in die Nachbarstädte zeigt nichts anderes. Die SPD hat ein Problem mit der AfD.

Landtagswahl NRW 2010 in der Metropole Ruhr

Der Regionalverband Ruhr (RVR) hat eine Übersicht zu den Wahlergebnissen der Landtagswahl 2010 in der Metropole Ruhr veröffentlicht. Folgendes Gesamtergebnis ergibt sich für das RVR-Gebiet:
CDU 27,6 vH -8,2
SPD 43,1 vH -4,0
Grüne 10,7 vh +5,2
Linke 6,6 vH
FDP 4,9 vH

Wahlbeteiligung 58,4 vH -5,0

Ergänzend dazu habe ich mal wieder das von mir entwickelte Programm zur Visualisierung von Wahlergebnissen angeworfen. Leider hatte ich nur eine Karte mit den Grenzen des Bezirksverbands der Ruhrpartei, der CDU Ruhr, zur Verfügung, so dass der Kreis Wesel in meinen Karten fehlt. Die Karten haben auch eine geringe Auflösung, erfüllen jedoch den Zweck, regionale Unterschiede aufzuzeigen.

Vor einigen Schlussfolgerungen zunächst hier das Album mit 18 Grafiken zur aktuellen Wahl. Die Wahlergebnisse enstammen dem vorläufigen amtlichen Endergebnis des Landeswahleiters. Die Karten sind ohne Gewähr, denn ich habe keine stichprobenartige Validierung vorgenommen.

In den Karten verwende ich Quartile, d.h., dass die jeweiligen Wahlkreise mit den entsprechenden Ergebnissen werden der Größe nach sortiert und in vier gleiche Teile (also je 25%) geteilt. Jedem Teil wird eine Farbe bzw. Farbschattierung zugeordnet. Entsprechend der Zugehörigkeit zu einem Quartil wird der jeweilige Wahlkreis eingefärbt. Die Schattierung zeigt also, ob ein Wahlkreis zu den größeren oder kleineren Anteilen im Vergleich zu allen gehört. Die Legende unten rechts auf den Karten gibt jeweils in die Intervalgrenzen der Quartile an. Alles klar?

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Folgendes fällt mir auf, wobei ich nicht auf statistische Fluktuationen geachtet habe. Es handelt sich mehr um eine Beschreibung der Karten:

  • Über die Erkenntnis hinaus, dass die CDU die Wahlkreise am Ballungsrand (Haltern am See etc., Essen-Süd sowie 2005 auch Hamm) gewinnt, zeigt sich, dass die CDU am Ballungsrand insgesamt stärker ist.
  • Die FDP ist im Süden der Metropole insgesamt stärker. Ein Effekt der Wahl einer anderen Partei mit der Erststimme findet sich nicht. Bei den Grünen weichen Erst- und Zweitstimmenaufkommen durchaus voneinander ab.
  • Einen Leihstimmen-Effekt gibt es bei der Partei „Die Linke“ nicht. Höchstens „Ansätze“ dafür finden sich in der nördlichen Metropole.
  • Die SPD-Ergebnisse liegen in der Emscher-Lippe-Zone bzw. in einem Ost-West-Streifen der Hellweg-Zone und nordlich davon höher. Die CDU ist dort schwächer. Ggf. kann auch die A40 als Grenze herangezogen werden. Südlich dieses Gebietes hat auch Bündnis’90/Die Grünen bessere Ergebnisse.
    Die Wahlbeteiligung liegt südlicher dieser Linie höher. Nördlich dieser Linie wird stärker extrem gewählt, wobei sich bei den Rechtsextremen – NPD und REP – ein abgestuftes Bild ergiebt: Die NPD erhält bessere Ergebnisse leicht südlich im Vergleich zur REP; beide zusammen ergänzen sich zu einem zusammenhängenden Streifen.
  • Die Schwankungen bei der in der Metropole Ruhr eher unterdurchschnittlich vertretenen Piraten-Partei sind deutlich abgrenzbar. Die Universitätsstädte Bochum, Dortmund und Duisburg treten hier hervor. Hängt dies mit Aktivitäten der „Kreisverbände“ der Piratenpartei zusammen?

Sicher können Hypothesen zu den Siedlungsgebieten, den dort lebenden Milieus und dem Wählerverhalten hergestellt werden. Das spar ich mir mal, freue mich aber ggf. auf Kommentare dazu.

WAZ entdeckt Parteienfinanzierungs-Skandal – oder auch nicht?

Sätze wie dieser ärgern mich und bestärken meine Zweifel an der Qualität der WAZ. Redakteurin Kirsten Simon schreibt heute:

Grundsätzlich gilt: Der Kommunalwahlkampf ist Sache der Fraktionen, bei Europa- und Bundestagswahl gibt es mehr Unterstützung, auch finanzielle, von überregionaler Parteiebene. 

Oha, entweder hat sie sich das grundsätzlich vertan, oder hat die Realität erkannt, nach der die Parteien eigentlich für die Wahlen verantwortlich wären.  Ich kann es nicht gut heißen, wenn der Staat (=Stadtverwaltung?) die Arbeit der Parteien inklusive Wahlwerbung reglementiert.

Parteien stellen Kandidaten auf, die in Parlamente gewählt werden. Vereinfacht bilden diese dann im Rat der Stadt Bochum oder im Landtag Fraktionen entsprechend ihrer Parteizugehörigkeit. Diese Fraktionen erhalten öffentlicher Gelder, um ihrer Aufgaben zu erfüllen. Parteiarbeit wie das Drucken und Aufhängen von Plakaten gehört nicht dazu. Das wäre auch eine unzulässige Finanzierung von Parteiarbeit.

Der Satz ist einfach falsch, der ganze Beitrag ist mit auch ziemlich naiv.

Jetzt sagen die Parteien zwar alle, dass sie es nicht übertreiben wollen, aber das ist ja eine Auslegungssache. Vielleicht sollte die Stadt doch einmal darüber nachdenken, den Wahlkampf zu reglementieren, nur an ausgewiesenen Stellen Wahlplakate zuzulassen und auch die Stückzahl zu begrenzen. Damit die Wahl nicht zur Qual wird.