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Digitalisierung: Durchgängiges Ticket für den NRW-Nahverkehr

Ich habe eine Vision. Ich steige einfach in den Bus. In einen Bus des Verkehrsunternehmens BoGeStra bei mir vor der Haustür. Bei Fahrtantritt checke ich beim Fahrer ein. Dann fahre ich zum Bahnhof Wattenscheid und nehmen einen Zug. Ob der von Abellio oder von der Deutschen Bahn AG kommt ist mir gleich. Vielleicht steht auch in grün VRR drauf. Damit fahre ich nach Hagen und steige um. Und wenn ich in Kirchhundem, dann nehme ich den Bus nach Lennestadt-Saalhausen. Da will ich hin.

Was in der Vision fehlt: Das lästige Kaufen unterschiedlicher Fahrscheine unterschiedlicher Tarife von verschiedenen Verkehrsverbünden. Nach dem Betreten des ersten Busses erkennt ein im Hintergrund arbeitendes System, wo ich lang gefahren bin. Vielleicht geht das über mein Mobiltelefon, vielleicht über eine Chipkarte. Und dann rechnet das System für mich den günstigsten Tarif ab. Und dann erkennt es auch, wenn ich am gleichen Tag oder Wochenende zurückgefahren sein sollte, so dass eventuelle Angebote herangezogen werden.

Digitalisierung ermöglicht, getrennte Tarifgebiete zusammen zu führen

In dieser Vision traue ich einem System. Das Vertrauen erfordert Sorgfalt bei der Erstellung des Systems aus Technik und Tarifen. Ein System das Unterschiede zwischen Anbieter überbrückt. Die Unterschiede zwischen Verkehrsverbünden und Verkehrsunternehmen. Unabhängig davon, was diese Unterschiede bewirkt. Ich muss die Unterschiede nicht mehr beseitigen. Aber sie verlieren das Trennende. Diese Chance bietet die Digitalisierung.

NRW-Landesverkehrsminister Hendrik Wüst ging darauf in einer Rede vor den Teilnehmern der Mobilitätskonferenz Ruhr am Montag ein.

„Wenn wir die Perspektive eines Nutzers einnehmen, der sonntagabends auf dem Sofa sitzt und per App eine Reise nach China, nach AUstralien, bucht, vielleicht sogar beides: erst China, dann Australien. [..] Der kann das alles in einer App tun.

Aber dann versuchen Sie mal, von Euskirchen nach Bielefeld-Brackwede zu kommen. Das Abenteuer bei der Buchung ist bei der zweiten Variante größer.“ (NRW-Landesverkehrsminister Hendrik Wüst, 18.09.2017)

Das Zitat findet sich in diesem Mitschnitt.

Im VRR wird schon daran gearbeitet

Den Weg dahin hat der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr bereits beschritten. Er hat die Federführung bei einem Pilotprojekt. Erste Tests sind geplant, aber es wird noch etwas Zeit brauchen. Erste Testergebnisse erwarte ich Ende 2018. Wir arbeiten daran.

Fail! VRR und Bahn AG: Installiertes, elektronisches Ticket-System abgeschaltet

Touchpoint-RFID-Tag mit Daumen nach unten
Fail: Touchpoint der Deutschen Bahn (hier in Wetter)
Die Reste des Kulturhauptstadtprojektes Ruhr.2010 im Bereich des Nahverkehrs können an den Bahnhöfen und DB-Haltepunkten der Metropole Ruhr besichtigt werden. Im Rahmen eines Probebetriebes konnte von sämtlichen Bahn-Haltepunkten aus per Handy eine elektronische Fahrkarte gelöst werden – Touch & Travel hieß das. Der Probebetrieb im Jahr der Kulturhauptstadt lief so erfolgreich, dass das System bundesweit eingeführt wird, aber nur an ICE-, IC- und EC- Haltepunkte bzw. dort, wo Verkehrsverbünde und Deutsche Bahn kooperieren. In der Metropole Ruhr, wo der Probebetrieb erfolgreich lief, findet diese Kooperation nicht statt. Die sogenannten Touchpoints, blaue Schilder mit RFID-Tags (siehe Bild) etc., finden sich auch an Haltepunkten, an denen kein DB-Fernverkehr hält. Wird der Touchpoint genutzt, zum Beispiel seine Nummer in die App auf dem Mobiltelefon eingegeben, dann erscheint eine Fehlermeldung. Denn der Punkt ist dem System unbekannt. Auf Nachfrage teilte mir die Hotline, deren Nummer auf jedem Touchpoint aufgedruckt mit, dass dieser Touchpoint noch nicht abgebauter Rest des Pilotbetriebs sei. Es ging mal an der Ruhr, jetzt nicht mehr. In Berlin lässt sich an jedem U- und S-Bahnhaltepunkt eine Fahrt so lösen und beenden.

Nicht zu unterscheiden: Funktionierender Touchpoint am DB-Reisezentrum Bochum Hbf
Nicht zu unterscheiden: Funktionierender Touchpoint am DB-Reisezentrum Bochum Hbf
Für die „Metropole“ Ruhr ist das unbefriedigend. So kann ich zwar per Touch & Travel, wie das Angebot der Deutschen Bahn heißt, von Bochum nach Hagen fahren, denn beides sind IC-Haltepunkte. Hingegen kann ich nicht von Wattenscheid nach Wetter fahren. Beide Bahnhöfe sind mit Touchpoints ausgerüstet, doch es ist ein potemkinsches Angebot. Es geht nicht. Mehr noch! Eigentlich könnte es sogar für den örtlichen Nahverkehr nutzbar sein, so wie es in Berlin der Fall ist. Im Pilotbetrieb hieß es dazu in der WAZ am 01.09.2009:

Touch & Travel werde so umgesetzt, dass auch der Übergang auf andere Verkehrsmittel – beispielsweise vom ICE auf den Bus oder umgekehrt – möglich sei, versichert die DB. Das erspare den Ticketkauf auch beim Umstieg auf andere Verkehrsmittel. Auch seien keine Kenntnisse über Tarifgrenzen mehr erforderlich. Touch & Travel benötige keine aufwändige und teure Infrastruktur an den Haltestellen und Bahnhöfen, da die Datenübertragung zum Hintergrundsystem über das Mobilfunknetz stattfinde.

Streit um technisches System: Per Mobiltelefon bezahlen oder per Chipkarte
An wem liegt es nun, dass das Bahnfahren ohne Fahrkartenkauf in der Metropole Ruhr nicht mehr möglich bzw. nur sehr eingeschränkt möglich ist? Liegt es an der Deutschen Bahn, die die Touchpoints nicht wieder abgebaut hat? Oder liegt es am VRR? Beide sind in meinen Augen Schuld, sie kommen nicht zueinander. Ein Nachfrage bei Verantwortlichen des Verkehrsverbunds Rhein Ruhr (VRR) brachte mir die Antwort, dass der VRR ein anderes System bevorzuge, keines das an ein Mobiltelefon und die Ortung gebunden sein. Der VRR favorisiert ein NRW-weit einheitliches Modell, dessen Pilotbetrieb er realisieren will. Dabei soll eine Chipkarte (darauf der RFID-Chip) zum Einsatz kommen, die an ein Online-Vertriebs-Tool aller Nahverkehrsgesellschaften mit einem System namens EFM3 andockt. Die Vereinheitlichung aller Standards und Verfahren ist das Ziel und dürfte bis 2017/19 dauern. Dafür kann man dann losfahren und muss sich nicht um Tarife kümmern in NRW – so der Plan, wenn alle mitmachen. ‚Touch & Travel‘ wäre sofort verfügbar, wenn denn der VRR mit der Bahn kooperieren würde. Und daher gilt die Weisheit: Das Bessere (=VRR) ist der Feind des Guten (=Bahn). Ergebnis: Fail! Lässt sich denn nicht beides realisieren? Das seine sofort, das andere später? Ich könnte am Bahnhof Wetter meine Fahrkarte per Handy lösen und in Berlin-Zehlendorf aussteigen. Das wäre nicht einmal auf NRW beschränkt!

Behelfen muss ich mich mit einem separaten Handyticket-System für Mobiltelefone in der losfahrenden und ankommenden Stadt, sofern ich Fernverkehrszüge nutze, die an Fernverkehrhaltepunkten (=großen Bahnhöfen) halten. Die polyzentrale Struktur der Metropole Ruhr, die sich auch in einem sternförmigen Nahverkehrsnetz mit Hauptbahnhöfen als Mittelpunkten niederschlägt, wird bis auf weiteres mit den Methoden der interkonnektiven Welt konserviert.Es ist die übliche Tragödie des alten Ruhrgebiets.

Kommunalpolitker aller Kommunen, ja Regionalpolitiker, vereinigt Euch. Schiebt das Thema mit Anträgen, Anfragen und Resolutionen an. Lasst Euch dazu berichten. Das Thema ist ja noch nicht einmal hinreichend als Missstand bekannt. Ich will mal sehen, wo ich das einbringen kann. Fortsetzung folgt …

Potemkinsches Angebot: Touchpoint am Bahnhof Wetter (Ruhr)
Potemkinsches Angebot: Touchpoint am Bahnhof Wetter (Ruhr)